testStaatskritik bei Wolfgang Abendroth und Johannes Agnoli

Die Behauptung, dass «die Linke» staatsfixiert sei oder einfach nur gegen den Staat, gehört zu den gängigen undifferenzierten Allgemeinplätzen, die man getrost ignorieren kann. Nicht zu ignorieren ist die Tatsache, dass dem bürgerlichen Staat beim Übergang von einer kapitalistischen in eine nichtkapitalistische Gesellschaft eine zentrale Funktion zukommt. So bleibt es nicht aus, dass sich seit jeher die politischen Lager im linken Spektrum darin unterscheiden, welche Rolle sie dem bürgerlichen Staat zuschreiben. Das war auch «1968» so. Damals waren Johannes Agnoli und Wolfgang Abendroth die beiden wichtigsten Bezugspersonen der westdeutschen Neuen Linken, wenn es darum ging, das Verhältnis von Staat und sozialer Bewegung zu bestimmen. Wurde Abendroth dabei zur Bezugsfigur der eher gewerkschaftsnahen «traditionalistischen» Linken, so Agnoli zum Stichwortgeber vor allem der autonom-antiautoritären Bewegung. Der Vergleich ihrer damaligen Ansätze zeigt zwar, dass Abendroth und Agnoli in vielen Fragen grundsätzlich übereinstimmten. In wesentlichen Punkten jedoch unterschieden sie sich in ihrer Haltung zum westdeutschen Staat. Schon methodisch stand Agnoli für eine eher materialistisch-strukturalistische Staatstheorie, Abendroth hingegen für eine historisch-materialistische Staatsanalyse, die heute kaum mehr in der linken Debatte präsent ist. Meiner Ansicht kann vor allem die letztere konkrete Veränderungspotenziale aufzeigen und verschiedene politische Handlungsräume verbinden. […]
Standpunkte 25/2010 der Roisa Luxemburg Stiftung, von Richard Heigl hier als PDF.

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