testÄgypten nach den Wahlen – Restauration der alten Ordnung

Vortrag und Diskussion mit Sofian Philip Naceur
Donnerstag, 10. Juli 2014, um 19:30 Uhr
Villa Ichon, Goetheplatz 4, 28203 Bremen (1. Stock)

In Ägypten wurde Ende Mai der Präsident neu gewählt. Erfolgreicher Kandidat war Abdel Fatah al Sisi, ehemaliger Armeechef und federführend beim Militärputsch am Nil vom Juli 2013, welcher den erst im Juni 2012 demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi gewaltsam des Amtes enthob. Seitdem werden Mursis Anhänger und die islamistische Muslimbruderschaft (deren politischer Arm Mursis Freiheits- und Gerechtigkeitspartei ist), aber auch Teile der linksliberalen Opposition Ägyptens, blutig verfolgt. Mursi hatte in seiner kurzen Amtszeit mit den radikalislamistischen Salafisten koaliert, eine religiös ausgerichtete Politik verfolgt und damit lagerübergreifend für massive Proteste gesorgt.

Die Muslimbruderschaft ist die älteste islamistische Organisation im Nahen Osten, die bis heute das Entstehen sehr unterschiedlicher islamistischer Gruppen in der gesamten Region beeinflusst und befördert hat. Deswegen ist das Scheitern der Muslimbruderschaft, auf demokratischen Wege die Macht in einem Land zu erlangen bzw. zu festigen und dessen Leben entsprechend ihren Vorstellungen zu gestalten, von Bedeutung über die Region hinaus.

Es stand weitgehend außer Frage, dass Sisi wird zum neuen Präsidenten gewählt würde – sein sozialistischer Gegenkandidat Hamdeen Sabahi war faktisch chancenlos. Was sind die Perspektiven für das Land und welche Rolle spielt die Armee innerhalb des Regimes? Sisi kommt aus dem Militär und auch nachdem er seine Uniform – für seine Kandidatur – ausgezogen hat, bleibt die Armee am Ruder und hat vor allem seit der Absetzung Mursis im Juli 2013 ihren wirtschaftlichen Einfluss in Ägypten enorm ausweiten können. – Ausgehend von Ägypten soll in der Veranstaltung auch eine Verbindung zur regionalen Lage gezogen und auf die geopolitischen, sicherheitspolitischen, migrationspolitischen Ziele der EU in der Region eingegangen werden – insbesondere nach den Wahlen in Algerien: Angesichts der Krise in der Ukraine gibt es in der EU Bestrebungen, russisches Erdgas mit Lieferungen aus Algerien zu ersetzen. Algerien wird zudem in Bezug auf die Machtergreifung der Muslimbruderschaft in Ägypten immer wieder als Vergleich herangezogen, erlebte das Land doch schon vor 25 Jahren ein teilweise ähnliches Szenario.

Sofian Philip Naceur lebt als freier Journalist in Kairo/Ägypten. Aufgewachsen in der Nähe von Bremen, studierte er in Marburg Politikwissenschaften. Er hat für die Rosa-Luxemburg-Stiftung Kurzanalysen über die politische Situation in Ägypten (Januar 2014) und in Algerien (April 2014) verfasst. Mehr in seinem Blog unter www.dergestiefeltekater.blogspot.de

Online-Publikation bei der RLS zum Thema der Veranstaltung:

Eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Initiative – Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Bremen.


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