{"id":1038,"date":"2010-07-06T21:44:41","date_gmt":"2010-07-06T19:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/?p=1038"},"modified":"2010-07-06T21:47:54","modified_gmt":"2010-07-06T19:47:54","slug":"queer-studies-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/news\/2010\/queer-studies-rezension\/","title":{"rendered":"Queer Studies (Rezension)"},"content":{"rendered":"<p>Queer Theory ist derzeit unter Studierenden und anderen das neue hei\u00dfe Theorie-Ding. Dies ist Grund genug, zwei neue Sammelb\u00e4nde zu w\u00fcrdigen. Der erste hier anzuzeigende entstand aus Referaten, die in einer Ringvorlesung im Wintersemester 2006\/2007 an der Universit\u00e4t Frankfurt\/Main gehalten wurden. Herausgeber Kra\u00df stellt zu Beginn Definitionsversuche vor. Grunds\u00e4tzlich kann gesagt werden, dass das urspr\u00fcnglich aus einem abwertenden Begriff entstandene queer positiv gewendet wurde und \u201ejene Ideologie, die zur Diskriminierung von Schwulen, Lesben und andern sexuellen Minderheiten f\u00fchrt, der kritischen Analyse\u201c unterzieht. Im Zentrum jener Ideologie steht die Heteronormativit\u00e4t, die biologisch-naturalisierend Geschlecht und damit auch Begehren als bin\u00e4r konstruiert: Es gibt nur zwei Geschlechter. Diese \u201eGeschlechter\u201c werden durch kollektive und individuelle Praxen immer wieder hergestellt und auch staatlich reguliert. Das er\u00f6ffnet selbstverst\u00e4ndlich die M\u00f6glichkeit, sie durch K\u00e4mpfe in und ausserhalb von sowie gegen Institutionen zu modifizieren.<br \/>\nSabine Hark, die ebenso wie Antke Engel eine der prominenteren Autor_innen im Feld der Queer Theory ist, zeigt Komplexit\u00e4t und Grenzen des Konzeptes \u201eHeteronormativit\u00e4t\u201c auf und arbeitet heraus, dass Wissenssysteme immer auch mit dem Begehren der sie Konstruierenden verbunden sind. Engel kritisiert in ihrem Beitrag die Interessenpolitik schwuler und lesbischer Verb\u00e4nde als Beitrag zu einer kulturell codierten neo-nationalistischen Vers\u00f6hnung wei\u00dfer wohlhabender Schwuler und Lesben mit Deutschland. Die weiteren zehn Beitr\u00e4ge thematisieren ein breites Spektrum. Hier reicht das Tableau von der Situation von Lesben, Schwulen und queers in der evangelischen Kirche \u00fcber Gewalt und m\u00e4nnliche Sexualit\u00e4t im Gef\u00e4ngnis bis zum zeitgen\u00f6ssischen Horrorfilm oder die queeren Aspekte der Oper.<br \/>\nZum Stand der akademischen Etablierung erf\u00e4hrt die Leser_in trotz des etwas anspruchsvollen Buchtitels ausser der Bemerkung, \u201eQueer Studies seien \u201enoch kein eigenes Fach\u201c, nichts, sie kann nur aus den Angaben zu den Autor_innen indirekt erschlossen werden. Diese zeigen an, dass die Autor_innen in ihren Disziplinen zwar queer forschen, aber jenseits marginaler Nischen von einer Existenz von Queer Studies im deutschen Wissenschaftsbetrieb nicht gesprochen werden kann.<br \/>\n\u201eVerqueerte Verh\u00e4ltnisse\u201c ist eine Auswahl aus Beitr\u00e4gen einer seit mehreren Jahren angebotenen Vortragsreihe an der Universit\u00e4t Hamburg. Das Goldst\u00fcck dieses Bandes ist seine umfangreiche, mit einer Literaturliste versehene Einleitung, die zeigt, dass der Band vor allem von Herausgeber_innen konzipiert wurde, die am Rande der Universit\u00e4t angesiedelt sind. Zwei Themen stehen in der Einleitung im Fokus. Zum einen wiederum die Definition des Begriffes, der \u201eSexualit\u00e4t und Geschlecht in ihrer Verwobenheit mit anderen gesellschaftlichen Normensystem wie \u201aRasse\u2018, Ethnizit\u00e4t, Klasse, Behinderung oder Alter oder vor dem Hintergrund der derzeitigen kapitalistischen\/neoliberalen Vergesellschaftung analysiert\u201c. Zweitens die Tauglichkeit des Begriffes oder \u201eAnsatzes\u201c f\u00fcr die Praxis. Hier stehen die Anh\u00e4nger_innen der Queer Theory mitten in allen Doppeldeutigkeiten, welche die Institutionalisierung einer neuen Theorie mit sich bringt. Anschlie\u00dfend folgen zehn Beitr\u00e4ge zu den Themenbereichen Queer Studies und rassifizierende Machtverh\u00e4ltnisse, \u00d6konomiekritik, neoliberaler Kapitalismus und Reflektionen queerer Praxen. Die \u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c als neues, in etlichen Beitr\u00e4egen aufscheinendes Paradigma verspricht neue Erkenntnisgewinne, da sie jene zitierte Verwobenheit ins Zentrum stellt und aus einer explizit herrschaftskritischen Perspektive heraus angreift. Die Intersektionalit\u00e4tstheorie geht davon aus, dass die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Gruppe Diskriminierungen aufgrund einer Gruppenzugeh\u00f6rigkeit schafft. Die Pole solcher Diskriminierungen werden in der Theorie durch Differenzlinien oder \u201eAchsen der Ungleichheit\u201c verbunden. Die Kategorien sind nicht nur soziale Platzanweiser, sondern generieren auch Identit\u00e4t. In der Intersektionalit\u00e4tstheorie werden Positionen von \u201etriple opression\u201c oder \u201e\u00dcberdeterminierung\u201c konsequent weiter entwickelt und darauf hingewiesen, dass mehrere Differenzlinien betrachtet werden m\u00fcssen und dass soziale Gruppen gemeinsame Differenzlinien besitzen, aber nicht homogen sind.<br \/>\nDas Problem der Queer Studies scheint nach Lekt\u00fcre der beiden B\u00e4nde zu sein, dass sie zwar wortgewaltige und zutreffende, aber relativ abstrakte Gesellschaftskritik, etwa zur Bedeutung kultureller Politiken f\u00fcr die Durchsetzung neoliberaler sozio-\u00f6konomischer Transformationen und damit neue und spannende Perspektiven bietet. Gleichzeitig verliert sie sich dann oftmals in kleinteiligen Aspekten, also dort, wo es dem malestream nicht weh tut. Wenn queer die Anfechtung von Geschlechterregimen miterm\u00f6glicht, bleibt zu beachten, dass queer auch ein Beharren auf der Anerkennung von Differenz ist, und dies mitten in einem postfordistischen Kapitalismus, der Differenz zu einer seiner neuen Leitideologen gemacht hat. Das Bonmot der neuen Frauenbewegung \u201eFrauen brauchen nicht mehr M\u00e4nner, die solidarisch mit Frauen, sondern mehr M\u00e4nner, die unsolidarisch mit anderen M\u00e4nnern sind\u201c k\u00f6nnte insofern erweitert werden: Heteronormativit\u00e4tskritik m\u00fcsste sich auch, wenn nicht sogar vorrangig, gegen die hegemonialen M\u00e4nnlichkeiten richten, die die Gesellschaft immer noch strukturieren. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn die Theorie der Intersektionalit\u00e4t einen weiteren Hebel f\u00fcr emanzipatorische Perspektiven bieten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bernd H\u00fcttner <\/p>\n<p>Andreas Kra\u00df (Hrsg.): Queer Studies in Deutschland. Interdisziplin\u00e4re Beitr\u00e4ge zur kritischen Heteronormativit\u00e4tsforschung, Berlin 2009, Trafo Verlag, 264 S., 29,80 \u20ac , ISBN 978-3-89626-725-2. \u2013 AG Queer Studies (Hrsg): Verqueerte Verh\u00e4ltnisse. Intersektionale, \u00f6konomiekritische und strategische Interventionen; Hamburg 2009, M\u00e4nnerschwarm Verlag, 224 S., 16,00 \u20ac , ISBN 978-3-939542-40-7.<\/p>\n<p>erschienen in Heft 2\/2010 von <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/forum\">FORUM Wissenschaft<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Queer Theory ist derzeit unter Studierenden und anderen das neue hei\u00dfe Theorie-Ding. Dies ist Grund genug, zwei neue Sammelb\u00e4nde zu w\u00fcrdigen. 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