{"id":43,"date":"2007-02-02T19:00:00","date_gmt":"2007-02-02T17:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/?p=64"},"modified":"2007-02-02T19:00:00","modified_gmt":"2007-02-02T17:00:00","slug":"unfinished-business-und-holocaust-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/veranstaltung\/2007\/unfinished-business-und-holocaust-erinnerung\/","title":{"rendered":"\u201eUnfinished Business\u201c und Holocaust-Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Geschichtspolitik der USA und die Transformation der Holocaust-Erinnerung in den 1990er Jahren<\/strong><br \/>\nVortrag und Diskussion mit Jan Surmann (Hamburg)<\/p>\n<p>Freitag, 02.02.2007<br \/>\nAb 19 Uhr, Villa Ichon (Kaminzimmer), Goetheplatz 4, 28203 Bremen<\/p>\n<p>Die Implosion der osteurop\u00e4ischen Staatengemeinschaft &#8211; und damit das Ende der Nachkriegszeit &#8211; hat in der Auseinandersetzung mit den Folgen der nationalsozialistischen Raub- und Vernichtungspolitik zu einem einschneidenden Paradigmenwechsel gef\u00fchrt. Sowohl entsch\u00e4digungs- wie auch restitutionspolitische M\u00e4ngel der Nachkriegszeit wurden in den 1990er Jahren unter dem Schlagwort des \u201eunfinished business\u201c international thematisiert und ihre Kl\u00e4rung gefordert. Die handlungsorientierte Geschichtspolitik der USA, die sich im Kontext der Forderungen j\u00fcdischer Organisationen nach Restitution in Osteuropa herausentwickelte, hat in diesem Prozess eine zentrale Rolle gespielt: Sie hat \u00fcber die Aus\u00fcbung politischen, \u00f6konomischen und juristischen Drucks nicht nur elementar zum Abschluss diverser Fonds und Stiftungen \u2013 und damit zur materiellen Aufarbeitung \u2013 beigetragen, sondern erinnerungspolitisch eine Transformation der Shoah-Erinnerung hin zu einer Entkontextualisierung und Universalisierung gerade auch auf internationaler Ebene ma\u00dfgeblich vorangetrieben. <!--more--><\/p>\n<p>Ein wichtiges Merkmal dieser US-Geschichtspolitik war, dass nicht allein auf eine materielle L\u00f6sung gedr\u00e4ngt wurde, sondern auch auf eine geschichtspolitische Aufarbeitung der restitutions- und entsch\u00e4digungspolitischen Vers\u00e4umnisse der Nachkriegszeit. Die Kritik der USA an den nationalen Nachkriegsmythen leitete einen Paradigmenwechsel ein, der die gro\u00dfen restitutionspolitischen Erz\u00e4hlungen der Nachkriegszeit delegitimierte. Es war eben diese Debatte, die den europ\u00e4ischen Staaten von den USA aufgedr\u00e4ngt wurde, die den Prozess einer Internationalisierung des Gedenkens und einer Entkontextualisierung der Shoah stark vorantrieb, indem sie die Selbstwahrnehmung der westlichen L\u00e4nder in Bezug auf die nationalsozialistischen Verbrechen radikal ver\u00e4nderte. Dabei bildet die Auseinandersetzung mit den nationalen Nachkriegsmythen die Matrix, auf der sich der Holocaust als Schl\u00fcsselereignis f\u00fcr eine neue Erinnerungsform herausbildet und neue gemeinsame Bez\u00fcge jenseits des Nationalstaats herstellt. Die Shoah wurde in diesem Prozess zu einem Exemplum f\u00fcr genozidale Tendenzen, das das spezifisch Historische in den Hintergrund treten lie\u00df. Damit setzte sich nach dem Ende des Kalten Krieges eine Verbindung von Menschenrechtspolitik und Holocaust-Erinnerung durch. Auf Grundlage ihrer Enthistorisierung und Dekontextualisierung bekommt die Shoah an der Jahrtausendwende eine erhebliche gesellschaftliche Orientierungsfunktion in zentralen gesellschaftspolitischen Fragen, die im Kontext eines allgemeinen Menschenrechtsdiskurses gerade auch au\u00dfenpolitisch zur Anwendung kommt.<\/p>\n<p>Die Debatten und Auseinandersetzungen der 1990er Jahre sind somit nicht nur r\u00fcckwirkend f\u00fcr die Auseinandersetzung mit den Folgen des Nationalsozialismus von Relevanz, sondern sie k\u00f6nnen auch als ein wichtiges Scharnier f\u00fcr die diskursive Begr\u00fcndung einer neuen geschichtspolitischen Epoche verstanden werden. Die Shoah wurde in ihrer enthistorisierten und dekontextualisierten Form zum Angelpunkt eines neuen Erinnerungs-Narrativs f\u00fcr das 21. Jahrhundert, das sich auf das Selbstverst\u00e4ndnis der gesamten westlichen Welt auswirkt. Die Debatten \u00fcber \u201eAuschwitz\u201c als negativen europ\u00e4ischen Gr\u00fcndungsmythos belegen dies eindrucksvoll.<\/p>\n<p>Jan Surmann, Hamburg, ist Geschichtswissenschaftler und geht mit seiner Dissertation der Frage nach, wie und warum offene Restitutions- und Entsch\u00e4digungsfragen nach der bipolaren Weltordnung thematisiert wurden und vor allem wie sich dadurch international die Holocaust-Erinnerung transformierte (Stichwort Dekontextualisierung).<\/p>\n<p>Literaturhinweis zum Vortrag:<br \/>\nJan Surmann: \u201eUnfinished Business\u201c und Holocaust-Erinnerung. Die US-Geschichtspolitik der 90er-Jahre zwischen \u201eHolocaust-era assets\u201c und Menschenrechtsdiskurs. In: ZfG &#8211; <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.metropol-verlag.de\/pp\/zfg\/zfg.htm\">Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaft<\/a> 4\/2005, S. 345\u2013355.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Veranstaltungsreihe &#8222;27. Januar \u2013 Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus&#8220;, von <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.erinnernfuerdiezukunft.de\">Erinnern f\u00fcr die Zukunft e.V.<\/a>, Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung Bremen und anderen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichtspolitik der USA und die Transformation der Holocaust-Erinnerung in den 1990er Jahren Vortrag und Diskussion mit Jan Surmann (Hamburg) Freitag, 02.02.2007 Ab 19 Uhr, Villa Ichon (Kaminzimmer), Goetheplatz 4, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19,16,17,24,3],"tags":[],"class_list":["post-43","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antifaschismus","category-geschichte","category-nationalsozialismus","category-politische-systeme","category-veranstaltung"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}