{"id":6067,"date":"2014-09-29T18:21:41","date_gmt":"2014-09-29T16:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/?p=6067"},"modified":"2014-10-31T16:16:32","modified_gmt":"2014-10-31T14:16:32","slug":"oz-ist-tot-hamburg-hat-sein-lacheln-verloren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/news\/2014\/oz-ist-tot-hamburg-hat-sein-lacheln-verloren\/","title":{"rendered":"OZ ist tot &#8211; Hamburg hat sein L\u00e4cheln verloren"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche starb &#8222;OZ&#8220;, Sprayer-Legende in Hamburg. Wir hatten geplant, im Herbst eine Veranstaltung mit <em>KP Fl\u00fcgel<\/em> zu machen, der sowohl ein Buch \u00fcber die Graffiti-K\u00fcnstlerin <em>Miss.Tic<\/em> geschrieben hat (Bomb it, Miss.Tic) als auch eines \u00fcber <em>OZ<\/em> (Free OZ!). Folgend der Nachruf des Verlegers.<\/p>\n<p><em>Update 26.10.: Die Veranstaltung mit KP Fl\u00fcgel findet nun am 06. Dezember 2014 statt:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rosa-luxemburg.com\/test\/veranstaltung\/2014\/oz-street-art-zwischen-revolte-repression-und-vereinnahmung\/\" target=\"_blank\">OZ: Street Art zwischen Revolte, Repression und Vereinnahmung <\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>OZ ist tot \u2013 Hamburg hat sein L\u00e4cheln verloren. Ein Nachruf<\/strong><\/p>\n<p>Walter Josef Fischer, alias OZ, Hamburgs \u2013 und wohl auch Deutschlands \u2013 bekanntester Sprayer und Graffitik\u00fcnstler ist tot. Am 25. September, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, wurde er in der N\u00e4he des Hauptbahnhofs Hamburg beim Spr\u00fchen eines Tags von einer S-Bahn erfasst und t\u00f6dlich verletzt. Er ist 64 Jahre alt geworden. Sein gewaltsamer Tod, der auf verst\u00f6rende Weise seinem risikoreichen Leben zu entsprechen scheint, ist eine furchtbare Trag\u00f6die und hinterl\u00e4sst eine L\u00fccke, die nicht zu f\u00fcllen ist.<!--more--><\/p>\n<p>Zwei Jahre zuvor: KP Fl\u00fcgel, Buchautor und H\u00f6rfunkjournalist, rief mich im Hamburger Verlagsb\u00fcro von Assoziation A an und erz\u00e4hlte, er plane gemeinsam mit Jorinde Reznikoff die Herausgabe eines Buches \u00fcber OZ, das dessen Werk im Spannungsfeld \u201ezwischen Revolte, Repression und Kommerz\u201c beleuchten solle. Er suche daf\u00fcr einen Verlag. Ich war spontan Feuer und Flamme f\u00fcr das Projekt. \u201eDu wirst es nicht glauben, aber das ist genau mein Ding\u201c, antwortete ich. Noch heute kann ich mich nicht daran erinnern, jemals einem Buchprojekt so schnell und vorbehaltlos zugestimmt zu haben. Ich besch\u00e4ftigte mich seit geraumer Zeit mit Streetart und hatte die Stadt auf dem Fahrrad und mit der Fotokamera im Gep\u00e4ck auf der Suche nach ihr erkundet. Die Allgegenw\u00e4rtigkeit von OZ im Stra\u00dfenbild Hamburgs war frappierend und zog mich wie so viele vor mir in den Bann. Der Produktionsprozess des Buches gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht und zog sich in die L\u00e4nge. Andreas Blechschmidt, in der Soli-Arbeit mit OZ aktiv und Mitarbeiter des Anwaltsb\u00fcros am Schulterblatt, das OZ als Rechtsbeistand zur Seite trat, stie\u00df hinzu. Sven Stillich, den ich von einem Buch \u00fcber das G\u00e4ngeviertel her kannte und au\u00dferordentlich sch\u00e4tzte, fragte ich, ob er bereit sei, ein Portr\u00e4t \u00fcber OZ beizusteuern. Ich selbst radelte erneut Hunderte von Kilometern durch die Stadt, um Fotos f\u00fcr das Buch aufzunehmen, und kontaktierte Streetartisten, die sich unter dem Motto \u201eFree OZ\u201c mit eigenen Kunstwerken mit OZ solidarisiert hatten. Walter selbst war anfangs extrem misstrauisch und nur schwer von dem Projekt zu \u00fcberzeugen. Ohne seine Einwilligung w\u00fcrde ich das Buch aber nicht machen, so viel stand fest. Erschwerend kam hinzu, dass sein Umfeld zerstritten war und von vielen Seiten \u2013 sei es mit den besten, sei es mit eigenn\u00fctzigen Absichten \u2013 an ihm herumgezerrt wurde. Der Vorteil war: Ich lernte Walter nun genauer kennen.<\/p>\n<p>Walter Josef Fischer, wie OZ mit b\u00fcrgerlichem Namen hei\u00dft, wurde am 7. Januar 1950 in Heidelberg geboren. Als uneheliches Kind wird er von seiner Mutter getrennt und von den Verwandten in ein katholisches Waisenhaus abgeschoben. Dort arbeiten zum Teil Erzieher und Erzieherinnen, deren Haltung noch von der der nationalsozialistischen Ideologie der \u201eAusmerze\u201c von der Norm abweichender Menschen gepr\u00e4gt ist. Als uneheliches Kind, das zudem an einer Sprachbehinderung aufgrund einer \u2013 sp\u00e4ter operierten \u2013 Gaumenspalte leidet, erf\u00e4hrt er mannigfache Dem\u00fctigungen und Erniedrigungen, die er sein Leben lang nicht vergessen wird und die ihn auf immer pr\u00e4gen werden. Mit 15 Jahren verl\u00e4sst er das Heim. Pl\u00e4ne, G\u00e4rtner oder Friseur zu werden, verlieren sich im Leeren. Walter bricht die Lehre ab. Anfang der 1970er Jahre trampt er durch Europa und unternimmt eine Weltreise, die ihn bis nach Indien und Afghanistan, schlie\u00dflich Indonesien f\u00fchren wird. Go East. Er verliebt sich in die tropische N<br \/>\natur, emp\u00f6rt sich aber auch \u00fcber Raubbau und soziale Ungerechtigkeit. Schlie\u00dflich zieht die indonesische Polizei seinen Pass ein und schiebt ihn nach Deutschland ab. Zur\u00fcck in Baden-W\u00fcrttemberg macht er in Stuttgart eine Entdeckung, die sein Leben ver\u00e4ndern wird. Es ist die Zeit des RAF-Prozesses in Stammheim und die Stra\u00dfen sind voller Spr\u00fchereien, die sich mit den Gefangenen solidarisieren. Walter F. ist fasziniert und experimentiert mit der Spr\u00fchdose als Mittel des politischen Ausdrucks. Mitte der 1980er Jahre will er die Freistadt Christiania in Kopenhagen besuchen, kommt aber nur bis Flensburg, wo er 1986 zum ersten Mal wegen Sachbesch\u00e4digung vor Gericht gestellt wird. Anfang der 1990er Jahre zieht er nach Hamburg. Erst hier entwickelt er sein charakteristisches OZ-Logo, das er in den n\u00e4chsten Jahren zehntausendfach \u2013 neben Smileys, Spiralen, farbigen Gem\u00e4lden \u2013 an die Hausw\u00e4nde, Stromverteilerk\u00e4sten, Poller, Pfeiler und Br\u00fccken der Hansestadt spr\u00fchen wird. Bald sind ihm die Polizei und die Hochbahnwache auf den Fersen. Schlie\u00dflich wird sogar eine eigene Soko Graffiti gegr\u00fcndet, die ihm auflauert. Wiederholte Male wird er brutal zusammengeschlagen. Wegen seiner Spr\u00fchereien wird er mehrfach zu Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt und verbringt insgesamt fast acht Jahre seines Lebens im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die \u201eSaubernazis\u201c wird zu seinem Lebensinhalt. Er hat als Heimkind und sprachbehinderter Mensch den Terror der Normalit\u00e4t am eigenen Leibe erfahren. Aus dieser permanenten Dem\u00fctigung hat er ein hochempfindliches Sensorium f\u00fcr das unterschwellige Gewaltpotential von Sauberkeitsfimmel, Ordnungswahn und b\u00fcrgerlichen Sekund\u00e4rtugenden, die dieses Land noch nie am Morden gehindert haben, entwickelt. Das Grauen der deutschen Geschichte ist ihm stets pr\u00e4sent, auf den Leib gebrannt, als tiefe Beunruhigung und innerer Antrieb zum Handeln, als Verpflichtung zum \u201eDagegenhalten\u201c. Wiederholt ist ihm gedroht worden, unter den Nazis sei \u201eso jemand wie er vergast worden\u201c. Als er in den Strafprozessen Schilder hochh\u00e4lt, auf denen \u201eKZ OZ\u201c oder \u201eJude\u201c steht, wird dies h\u00e4ufig kritisiert. Genauso wie sein Statement, er wolle mit seinen Kringeln und Spiralen an jeden einzelnen ermordeten Juden und \u201eZigeuner\u201c erinnern. Illegitime Einnahme einer Opferrolle und Banalisierung der NS-Verbrechen lautet der Vorwurf, in Wirklichkeit ist dies jedoch Ausdruck seiner Hypersensibilit\u00e4t gegen\u00fcber der Kontinuit\u00e4t einer untergr\u00fcndigen Gewaltbereitschaft gegen\u00fcber allem Abweichenden in der bundesrepublikanischen Gesellschaft und Beleg seines aufrichtigen Versuchs, mit bescheidenen Mitteln Widerstand und Erinnerungsarbeit zu leisten. Im Grau \u2013 \u201eWehrmachtsgrau\u201c, wie er gern sagte \u2013 lauerte f\u00fcr ihn stets auch das Grauen. In der \u00dcbert\u00fcnchung der Graffitis durch Stadt, Verkehrsbetriebe und Privateigent\u00fcmer sah er einen Fanatismus am Werk, dem er kompromisslos den Kampf angesagte.<br \/>\nIn vielen Kommentaren wurde die rhetorische Frage aufgeworfen, ob denn jeder, der um die frischgestrichene Fassade seines \u2013 realen oder nur prospektiv erhofften \u2013 Eigenheims f\u00fcrchte, nun ein Nazi sei. Wie auf die meisten rhetorischen Fragen, ist die Antwort eindeutig: in diesem Fall ein Nein. Die Frage ignoriert jedoch das Wesentliche: den eklatanten \u00dcberschuss an latenter und nur zu oft exzessiver Gewaltt\u00e4tigkeit, wie er sich selbst nach dem Tod von Walter F. in zahllosen Internet-Kommentaren Bahn bricht, die sich nicht scheuen, den Tod dieses \u201eSchmierfinks\u201c zu feiern. Ein Hass, den er nicht wegen eines Gewaltverbrechens oder Massenmords, sondern wegen harmloser Graffitis auf sich zieht. Es ist genau diese Mentalit\u00e4t, gegen die OZ mit vollem Recht zu Felde zog.<\/p>\n<p>Dabei ist das Schaffen von OZ wesentlich vielf\u00e4ltiger, als gemeinhin wahrgenommen wird. Neben dem Schriftzug \u201eOZ\u201c, den von den Hausw\u00e4nden l\u00e4chelnden Smileys und den tausendfachen Kringeln und Spiralen umfasst es auch gro\u00dfformatige farbige Werke, die manchmal an Zellstrukturen erinnern, manchmal wie kosmische Visionen auf einem LSD-Trip wirken. Farbexplosionen, in denen Mikro- und Makrokosmos sich ineinander spiegeln. Darin verwoben aufblitzende menschliche Gesichter, manchmal l\u00e4chelnd, manchmal einen aufr\u00fcttelnden Schrei artikulierend. Die Reduktion, die Fokussierung auf das Elementare zeichnet sein Werk aus. Darin Keith Haring \u00e4hnelnd. Die schwarzen Tags sollten jedoch nicht aus dem Blick geraten lassen, dass das Universum von OZ im Wesentlichen bunt ist. Der Stadt die Farbe zur\u00fcckzugeben, sie zu versch\u00f6nern, ist das erkl\u00e4rte Ziel von OZ.<br \/>\nDeutlich wird dies auch in den Atelierbildern, die OZ auf Leinwand gespr\u00fcht hat. Als Spiritus Rector stand ihm dabei in einem bisweilen durchaus konfliktiven Verh\u00e4ltnis \u00fcber Jahre sein Galerist Alex Heimkind von der OZM Art Space Gallery zur Seite, der mehrere Ausstellungen mit und von OZ organisierte und ihn zu Gemeinschaftsproduktionen mit anderen K\u00fcnstlern ermunterte. Insbesondere in der letzten Ausstellung \u201eUntitled\u201c ist ein qualitativer Sprung in der k\u00fcnstlerischen Entwicklung von OZ erkennbar, der sein ungeheures Potential erahnen l\u00e4sst. Paradoxerweise hat Walter selbst das nie recht w\u00fcrdigen k\u00f6nnen. Immer wieder betonte er, dass er f\u00fcr die Galerie nur arbeite, weil er seine Anw\u00e4lte finanzieren m\u00fcsse. Sein Arbeitsfeld war definitiv die Stra\u00dfe.<br \/>\nOZ\u2018 Werk kann indes nur angemessen gew\u00fcrdigt werden, wenn man es in seiner komplexen Gesamtheit ins Auge fasst. Wie er im Laufe von knapp einem Vierteljahrhundert die Hamburger Stadtlandschaft gestaltet hat, l\u00e4sst sich nur mit dem Begriff des Gesamtkunstwerks erfassen, als monumentale soziale Plastik, die sein Leben mit einbezieht. Mit feinem Gesp\u00fcr hat das Hamburger Streetart-Duo Los Piratoz ein Graffiti gespr\u00fcht, das den chinesischen Dissidenten und K\u00fcnstler Ai Weiwei mit Piratendreispitz neben die Parole \u201eFree OZ\u201c stellt. Beider Leben erscheint als ein Gesamtkunstwerk \u2013 nur dass bei OZ das Moment der Selbstinszenierung g\u00e4nzlich fehlt.<br \/>\nWohl auf lange Sicht einzigartig sind die Konsequenz und Zielstrebigkeit, mit denen OZ seinen Weg beschritt. Er lie\u00df sich darin durch nichts und niemanden beirren: nicht durch Gewalt, Repression und Gef\u00e4ngnis, die ihn nicht brechen konnten; nicht durch ein Leben in bitterer Armut, das er durch v\u00f6llige Bed\u00fcrfnislosigkeit konterte; nicht durch Lob, Schmeichelei oder Winken mit materiellen Vorteilen, denen gegen\u00fcber er g\u00e4nzlich unempfindlich blieb. Ich kenne kaum jemanden, der so unabh\u00e4ngig von den Meinungen anderer Menschen war wie er. Darin war er unerreichbar und unkorrumpierbar. Felsenfest in seinen \u00dcberzeugungen. Walter hatte seine Entscheidung getroffen, seinen Weg, seinen Kompass gefunden und folgte ihm unbeirrt. Zu sprayen war f\u00fcr ihn so selbstverst\u00e4ndlich wie f\u00fcr andere das Atmen oder die Nahrungsaufnahme. Ein existentieller Akt. Auch wenn seinem Handeln eine offenbare Besessenheit innewohnte: OZ war f\u00fcr mich in einem grundlegenden Sinn das aufr\u00fcttelnde Beispiel eines freien Menschen.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2014 lag das Buch \u201eFree OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz\u201c schlie\u00dflich druckfrisch vor uns. OZ hielt sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Hamburg auf. Wieder einmal war er von der Hochbahnwache verpr\u00fcgelt und mit dem Kopf auf das Trottoir geschlagen worden, was \u2013 m\u00f6glicherweise verbunden mit einem leichten Schlaganfall \u2013 seine Artikulationsprobleme wieder hatte aufleben lassen. Zur Rehabilitation befand er sich in einer neurologischen Klinik in der L\u00fcneburger Heide. Zu dritt fuhren wir nach Soltau, um Walter das Buch offiziell zu \u00fcberreichen. Der Weg vom Bahnhof zur Klinik gestaltete sich als Schnitzeljagd: Wir brauchten nur den zahllosen Kringeln in der zuvor super-cleanen Kleinstadt zu folgen, um zielsicher zur am Waldrand gelegenen Klinik zu gelangen. Und selbst hier waren zwischen den B\u00e4umen auf einsamen Schildern seine Embleme zu finden. \u201eWalt-Art\u201c nannte sie KP Fl\u00fcgel mit treffendem Witz. Wir verbrachten einen sch\u00f6nen, sonnenbeschienenen, fr\u00fchlingshaft warmen Tag mit Walter, der das Buch bereits \u00fcber einen Gew\u00e4hrsmann erhalten hatte. Er hatte es von vorne bis hinten durchgearbeitet und mit Kommentaren versehen. Wenn ihm etwas nicht gefiel, stand da zum Beispiel: \u201eVon nichts \u2019ne Ahnung, aber dumm rumlabern.\u201c Wie er es denn insgesamt finde, fragten wir ihn leicht beunruhigt. \u201eNa ja, h\u00e4tte schlimmer kommen k\u00f6nnen, nicht wahr.\u201c Aus seinem Mund war das fast das h\u00f6chste Lob.<\/p>\n<p>Am 15. April 2014 folgte die Buchpremiere im G\u00e4ngeviertel. Der Veranstaltungsraum war bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt, und die mit einer Overheadprojektion seiner Arbeiten verbundene Lesung gelang als wundersch\u00f6ne, begl\u00fcckende W\u00fcrdigung des Werkes von OZ und setzte ein klares Zeichen gegen die Kriminalisierung seiner Kunst und von Streetart im Allgemeinen. Walter war incognito in der freundschaftlich-besch\u00fctzenden Begleitung seines Anwalts Andreas Beuth anwesend, von fast niemandem erkannt. Aber diesmal war er wirklich ger\u00fchrt. \u201eZu mehr als hundert Prozent\u201c zufrieden sei er, wie er mir sagte.<br \/>\nTats\u00e4chlich hatte er sich einen Platz erk\u00e4mpft, den ihn niemand mehr nehmen konnte. In der Presseberichterstattung hatte es langsam, aber sicher einen Wandel gegeben, und mit den Ausstellungen und Ver\u00f6ffentlichungen der letzten Zeit war die Frage, ob es sich bei \u201eOZ\u201c um Kunst handele, entschieden. OZ hatte sich aus einem geschm\u00e4hten, beleidigten, misshandelten und eingekerkerten \u201eSchmierfinken\u201c in einen anerkannten Graffiti-K\u00fcnstler verwandelt. Unumkehrbar. Seine Peiniger und Verfolger waren auf immer gescheitert. Mit seinem Werk hatte sich OZ unausl\u00f6schlich in das Ged\u00e4chtnis der Hansestadt eingeschrieben, war Teil ihrer Geschichte geworden. Ihm selbst war das wie immer v\u00f6llig schnuppe. \u201eUnd wozu soll das gut sein?\u201c, fragte er. \u201eDamit mich die Schergen beim n\u00e4chsten Mal noch besser erkennen k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p>Wir haben uns danach noch einige Male gesehen und miteinander telefoniert. Einmal fragte ich ihn, ob er es in unserem Alter nicht bequemer f\u00e4nde, auf einem Damenfahrrad zu fahren. \u201eNe\u201c, sagte er. \u201eWei\u00dft du, wozu ich das brauche?\u201c Er hielt an, lehnte sein \u201eHerrenrad\u201c an ein Stra\u00dfenschild, stieg auf die Querstange und klebte oben einen Sticker an. \u201eDa kommen die Schergen nicht so schnell ran und k\u00f6nnen ihn nicht wieder entfernen.\u201c<br \/>\nWalter besa\u00df eine ausgepr\u00e4gte Guerillamentalit\u00e4t. Er sah sich in einem einsamen Kampf gegen die M\u00e4chte des Graus: Werbung, Ordnungsh\u00fcter, Polizei. Ein Partisan der Farbe versus das Einerlei der kapitalistischen Stadt, gegen das er mit friedlichen Mitteln k\u00e4mpfte. Gegen die zunehmende Privatisierung des \u00f6ffentlichen Raums reklamierte er ein Recht auf Stadt f\u00fcr alle und setzte es in einem selbstbewussten Akt der Aneignung und Umgestaltung in die Tat um. Seine einzige \u201eWaffe\u201c war die Spr\u00fchdose, mit der er seine Umwelt versch\u00f6nern wollte. Zumeist war er als Einzelk\u00e4mpfer unterwegs. Obwohl er von zahlreichen Streetartisten und Graffiti-Writern als Vorbild verehrt wurde und auch in der Fanszene des FC St. Pauli auf gro\u00dfe Resonanz stie\u00df, suchte er nur selten den Kontakt. \u201eWas hab ich mit denen zu tun?\u201c, sagte er h\u00e4ufig. Er war schon vom Alter her eine Ausnahme und spielte auch sonst in einer anderen Liga.<br \/>\nWalter konnte auch anstrengend, starrsinnig und nervig sein. Ich erinnere mich, wie ich in einer schwierigen Situation in das Anwaltsb\u00fcro von Andreas Beuth am Schulterblatt kam. Im Besprechungsraum sa\u00df Walter mit mehreren Anw\u00e4lten und weiteren Personen, um das Vorgehen in diversen Streitf\u00e4llen zu besprechen. Der Einzige, der sprach, war Walter. Kerzengerade auf seinem Stuhl. Entschieden und stur. Unverr\u00fcckbar in seinen Vorstellungen und Wertungen, die er endlos wiederholen konnte. Er wusste genau, was er wollte.<br \/>\nZum Schluss das Wichtigste: Es gab etwas an Walter, das mich \u2013 und wie ich wei\u00df: nicht nur mich \u2013 bereits nach wenigen Begegnungen zutiefst anger\u00fchrt hat. Er verf\u00fcgte \u00fcber einen eigenen Zauber. Vielleicht war es diese eigenartige und scheinbar widerspr\u00fcchliche Verbindung von h\u00f6chster Verletzlichkeit und Ungesch\u00fctztheit, die dieser scheue und schm\u00e4chtige Mann ausstrahlte, und seiner singul\u00e4ren Konsequenz, Hartn\u00e4ckigkeit und Eigenwilligkeit. OZ war durch nichts zu brechen und strahlte eine schwer zu ergr\u00fcndende, sp\u00fcrbare Energie aus, die bisweilen in seinen dunkelbraunen, fast schwarzen Augen aufgl\u00fchte. Allzu h\u00e4ufig haben wir uns nicht gesehen, aber wir hatten einen Draht zueinander und ich habe diesen ganz und gar besonderen und einzigartigen Menschen sehr gemocht. Und ich bin gl\u00fccklich, dass wir ein Buch ver\u00f6ffentlichen konnten und durften, das sein Schaffen in Ausschnitten f\u00fcr die Zukunft bewahrt. Sein Tod hat mich zutiefst ersch\u00fcttert und ich hoffe, dass ein Funke meiner Zuneigung ihn in seiner Einsamkeit erreicht.<br \/>\nEr f\u00fchle sich, wenn er in Hamburg unterwegs sei, von dem OZ-Schriftzug buchst\u00e4blich gegr\u00fc\u00dft, hat Herr von Eden in unserem Buch geschrieben. Genauso ging es mir. Bei jedem Streifzug durch die Stadt begegnete mir ein Graffiti von OZ und jedes Mal entlockte es mir ein inneres L\u00e4cheln. Seine Omnipr\u00e4senz hatte etwas Tr\u00f6stliches, war Teil meines Heimatgef\u00fchls geworden. Home is where your heart is. OZ geh\u00f6rte definitiv dazu. Als ich heute im Fahrstuhl zu meinem Arbeitsplatz in unserer B\u00fcrogemeinschaft hinauffuhr, fiel mein Blick auf einen Kringel von OZ, der den klapprigen Kasten, der manchmal stecken bleibt, seit seinem letzten Besuch zierte. Nun muss ich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, daran denken, dass Walter ihm keine weiteren Zeichen mehr hinzuf\u00fcgen wird. Die Welt ist durch seinen Tod \u00e4rmer geworden. Wie jemand im SWR richtig bemerkte: Hamburg hat sein L\u00e4cheln verloren.<\/p>\n<p>Theo Bruns, Hamburg, 27. September 2014<\/p>\n<p>Der Link zum Buch \u00fcber OZ: <a href=\"http:\/\/www.assoziation-a.de\/neu\/Free_OZ.htm\" target=\"_blank\">www.assoziation-a.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche starb &#8222;OZ&#8220;, Sprayer-Legende in Hamburg. 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