testEinführung Kritische Theorie (Rezension)

In den letzten Jahren gab es nicht nur in neomarxistischen Gruppen und mitverursacht durch die intensiven Debatten um Antisemitismus eine Wiederentdeckung der „Kritischen Theorie“. Der in der Publikationsreihe „theorie.org“ erschienene Band will eine „knappe Einführung“ liefern, ist aber dafür zu detailliert, setzt zuviel Vorwissen voraus und ist deswegen zu anspruchsvoll. Er erklärt zwar zentrale Begriffe wie etwa instrumentelle Vernunft, autoritärer Charakter, Dialektik der Aufklärung oder das materialistische Verständnis von Psychonalyse – reduziert die Kritische Theorie aber auf Horkheimer und Adorno und Adornos Differenzen mit Marcuse. Das Denken dieser drei wird ausführlich vorgestellt, andere wichtige Akteure, wie etwa Erich Fromm oder auch Franz Neumann, immerhin der Verfasser des „Behemoth“, kommen kaum vor.
Schwandt zeichnet die Entstehung der Frankfurter Schule infolge der Versteinerung des Marxismus nach und bietet dadurch in gewissem Sinne auch eine „Organisationsgeschichte“ mit den Etappen Gründung, Emigration, Rückkehr, Höhepunkt und – Habermas! – Verflachung und Ende. Diese ist aber orientiert an denjenigen , die dann in der Nachkriegszeit am Frankfurter Institut für Sozialforschung wirkten. Das umfangreichste Kapitel untersucht das Verhältnis „der“ kritischen Theoretiker zur globalen Protestbewegung der 1960er Jahre und verdeutlicht an diesem Beispiel die verschiedenen Vorstellungen von „Praxis“.
Wer sich über die Kritische Theorie informieren will, sollte zumindest noch „Die Frankfurter Schule“ von Rolf Wiggershaus und „Dialektische Phantasie“ von Martin Jay., die beiden Immer-Noch-Standardwerke lesen, die dann in der unter www.theorie.org erhältlichen kommentierten Literaturliste zum Buch an erster Stelle genannt werden.

Bernd Hüttner

Michael Schwandt: Kritische Theorie. Eine Einführung; Schmetterling Verlag 2009, 240 Seiten, 10 EUR

Diese Rezension erscheint auch in der Ausgabe vom Juni 2010 der Zeitschrift CONTRASTE.

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